Julia Thiele: Mein Name ist Julia Thiele, ich bin Psychologin, Bachelor-Master Psychologin, Mentaltrainerin und zertifizierter psychologischer Coach. Und ich coache Trader und Investoren im Faktor Psychologie. Ich handel und investiere selbst und insofern weiß ich auch, wovon ich spreche, habe auch meine eigenen schmerzlichen Erfahrungen erleben dürfen, aber die Gott sei Dank auch überwunden und kann somit auch aus eigener Erfahrung das eine oder andere mitgeben.
Peter Heinrich: Also auch überwunden. Also ähnlich, als würde man neue Schuhe anziehen und dann Blasen kriegen und sagen Mensch, das nächste Mal nehme ich Blasenpflaster mit.
Julia Thiele: Ja, du hast recht. Und ich glaube, wir beide wissen jetzt, warum wir kurz lachen müssen. Die Hörer wissen es nicht, aber es bleibt jetzt auch unser Geheimnis. Du hast recht, man sollte sich immer im Vorhinein, wenn man schon auf so einer Veranstaltung die schönen neuen Markenschuhe trägt, auch Blasenpflaster einpacken.
Peter Heinrich: Ja, dann stelle ich mich auch noch kurz vor, damit Sie die Stimme zuordnen können. Mein Name ist Peter Heinrich von Börsenradio. Wir treffen uns hier in unserem mobilen Podcast-Studio. Wir sind im Call nach Düsseldorf zu den deutschen Optionstagen gefolgt. Ich hatte gerade mit Maya ein Interview mit She, mit dem Begriff She, das heißt das Weibliche bei Optionen. Was mir aufgefallen ist, wir haben darüber diskutiert gerade eben, Optionen, hier findet man mehr Frauen als an üblichen Standardbörsentagen.
Julia Thiele: Ja. Okay, ist mir tatsächlich, also wenn ich mir jetzt das Publikum anschaue, kann ich das nicht bestätigen. Da sind ungefähr 10% weiblich. Also eigentlich genau der Schnitt, den ich auch auf sonstigen Fachmessen im Bereich.
Peter Heinrich: Wir hatten vorhin ein paar Statistiken, das sind 20%. Okay, gut. Und was zeichnet Frauen, das ist eine psychologische Frage, eigentlich anders aus als Männer beim Trading? Disziplinierter oder?
Julia Thiele: Ja, also es gibt ja so ein bisschen die allgemeine Annahme, dass Frauen etwas risikobewusster sind, vielleicht auch ein bisschen vorsichtiger, vielleicht auch eher kleinere Positionen auch eher handeln. Und ich würde sagen, das kann man auch zur Hälfte bestätigen. Was ich allerdings in meinen Coachings und Beratungen sehe, ist, dass es immer auf das Individuum ankommt. Jeder hat eben seine eigenen Entscheidungsmuster und seine eigene Fallstricke, in die er tappt und seine eigenen Erfahrungen auch gemacht und seine eigenen Annahmen und hat seinen eigenen Persönlichkeitstyp, der damit einfließt. Und insofern habe ich auch Frauen in meinem Coaching zu sitzen, die ganz klassische Overtraderinnen sind, die impulsive Entscheidungen treffen, die teilweise mit ihren Positionsgrößen manchmal etwas höher stapeln wollen. Und dann habe ich genauso Männer, die eher vorsichtig sind, die ihre Entscheidungen eher aufschieben, die Entscheidungen nicht treffen, die dann doch ihre Position viel zu lange beobachten und nochmal abwarten, die viel zu viele Informationen ansammeln, nur weil sie denken, dass ihre Entscheidungen dann besser werden und sich darüber Rückversicherungen holen möchten. Also eher, was man so vielleicht klassisch den weiblichen Börsianern zuschreiben würde.
Peter Heinrich: Steigen wir mal ein, Psychologie als Renditehebel. Ist das mehr Fehlervermeidung oder wirklich Hebel nach oben? Also kann ich mit Psychologie das Minus vermeiden und das Plus nach oben treiben?
Julia Thiele: Genau und es geht um beides. Also in erster Linie wollen wir natürlich unser Risiko, unser Risikocontrolling, unser Risikomanagement optimieren und dadurch Fehler vermeiden. Also das heißt quasi unser Kapital eher schützen, bedeutet zum Beispiel Verluste nicht auszusitzen, bedeutet zum Beispiel auch nicht frühzeitig in Trades einzugreifen und dann aus einem potenziellen Gewinn einen Verlust zu machen. Das heißt also unsere Verluste in der Anzahl und in der Höhe pro Trade zu reduzieren. Das ist die eine Seite und das ist auch erstmal die wichtigere Seite. Wir müssen erstmal unser Kapital schützen. Und im zweiten Schritt oder parallel geht es dann darum zu skalieren. Das bedeutet eben die Anzahl von Gewinner-Trades hochzuschrauben, indem wir zum Beispiel, wenn uns ein qualitatives Setup vorliegt, dann eben auch einsteigen, dann eben den Trade auch eingehen und nicht warten. Und eben auch die durchschnittliche Gewinnhöhe pro Trade maximieren und zwar auf das, was maximal in der jeweiligen Marktsituation, in der jeweiligen Handelssituation gemäß unserer Strategie möglich wäre. Und das kann man ja, wenn man sich beispielsweise den Backtest anguckt, auch anschauen, was da theoretisch möglich gewesen wäre und wo man zu früh rausgegangen ist und damit Gewinne abgeschnitten hat.
Peter Heinrich: Okay, verstehe. Ich hatte gerade das Interview, den Podcast mit Maya. Da ging es ja auch um Backtests. Du magst Coaching und Psychologie oder ist das Psychologiethema das Coaching? Du bist ja auch Mentaltrainerin. Wo hört Psychologie auf? Wo fängt Mentaltraining an?
Julia Thiele: Ja, im Mentaltraining arbeitest du viel. Das kennt man so ein bisschen auch aus dem Sport. Sportcoaching, Sportmental, also das, was letztendlich auch Profisportler genießen dürfen. Die haben alle auch ihren Mentalcoach an ihrer Seite, der eben auch mit Verlustangst, der ihnen beibringt, wie sie zum Beispiel mit Verlustangst umgehen. Wenn zum Beispiel so ein Fußballspieler so einen Elfmeter schießen soll und er hat aber Angst innerlich, glaubt zum Beispiel, er verschießt den Ball oder macht das Tor eben nicht das Wichtige, dann wird es wahrscheinlich auch so sein, weil eben sein ganzer Körper dann vielleicht anfängt, nicht mehr koordiniert zu reagieren oder er wird nervös. Jeder, der vielleicht schon mal unter Druck und Anspannung etwas versucht hat, auch körperlich umzusetzen, sei es beim Golfspielen, sei es beim Tennisspielen, der wird es selbst am eigenen Leib erfahren haben, wie sehr auch der eigene Kopf auch über die Physiologie letztlich entscheidet. Da spielt natürlich auch Neurobiologie eine große Rolle. Insofern setze ich natürlich auch Methoden und Techniken aus dem Mentaltraining ein. Es sind viele Mentalisierungsübungen, also Visualisierungsübungen, dass wir uns beispielsweise auch schon mal in die Lage versetzen, wie wir in einer bestimmten Handelssituation es geschafft haben, nicht in unseren Trade einzugreifen, sondern souverän, kontrolliert, ruhig geblieben sind, starke Nerven behalten haben, um dann eben zu sehen, jetzt kam die Erholung nach so einem Rückläufer, nach so einer Korrektur im Markt und ich war dabei und konnte jetzt eben den Profit mitnehmen und habe das geschafft. Und wenn wir uns in diese Situation wieder zurück erinnern und dann die Gefühle aufkommen lassen, die Souveränität aufkommen lassen und das quasi in so einer Visualisierungsübung dann auf unsere aktuelle Entscheidung, die wir treffen müssen oder auf zukünftige Trades, die wir managen müssen, übertragen, dann ist das zum Beispiel eine Technik aus dem Mentaltraining, wie wir es schaffen, mit unserem Kopf unsere Entscheidungen zu beeinflussen.
Peter Heinrich: Es gibt ja so einen Spruch, der heißt, um erfolgreich zu sein, muss ich schon mal da gewesen sein. Damit du da gewesen bist, stellst du das quasi mental vor. Also jetzt beginnt der Krieg mit dem Iran. Man kann sich das also quasi vorstellen, was wäre, wenn jetzt die Börsen einbrechen würden? Wie würde ich darauf reagieren? Also nicht panisch, sondern schon sehr mit Strategie. Wie machst du das mit deinen Kunden? Meditierst du dann mit denen und sagst, okay, schließ mal die Augen, stell dir vor, die Börsen brechen 15 Prozent ein. Du hast einen Stopp gesetzt bei 8,7. Wie würdest du reagieren? Dann wird die linke Hand warm, das Herz pumpert. Mach doch mal ein Beispiel, wie machst du das?
Julia Thiele: Genau, also ja, dass wir selber bei uns frühzeitig erkennen, wenn der Körper auf einmal reagiert. Also wenn wir zum Beispiel nervöser werden, dann ist es ganz oft so, das beobachte ich auch im Coaching, dass die Leute viel schneller sprechen. Die Blickbewegungen werden viel schneller.
Peter Heinrich: Was heißt du coachst? Während die echt traden?
Julia Thiele: Ja.
Peter Heinrich: Also Live-Training und Live-Coaching?
Julia Thiele: Absolut, na klar.
Peter Heinrich: Das heißt, mach jetzt mal so Geräusche.
Julia Thiele: Ja. Die hibbeln, die wackeln, werden nervös, schwitzen, tropft runter. Ja, Gott sei Dank haben wir das vorher so vorbereitet. Und ich coache, leite sie ja in dem Moment auch an, dass das jetzt nicht passiert. Aber ja klar, manche, sobald der Trade dann gegen sie läuft und da ist mal so eine ordentliche Summe, die jetzt gerade gegen sie läuft, natürlich werden sie dann auch nervös. Das macht was mit einem. Dann aber dieses Erfolgserlebnis im Coaching, im Live-Trading, dann zu erfahren, ich habe das geschafft. Das ist eine Referenzerfahrung und mit der können sie dann schon mal in der nächsten Situation etwas souveräner umgehen, weil sie sich eben an eine Erfolgssituation erinnern konnten. Ja, meditieren. Ich gebe auch Techniken mit, Atemtechniken, Meditationstechniken. Das ist alles immer mit dabei. Aber nicht jeder ist auch so zugänglich dafür. Nicht für jeden ist das auch so die beste Variante. Und es ist immer eine Begleitintervention, die man machen kann, die auch grundsätzlich zu unserem mentalen Wohlbefinden beiträgt. Aber da gibt es schon noch effektivere Techniken auch, die man dann im Coaching. Die ich im Coaching anwende.
Peter Heinrich: Ja, also gehen wir nochmal auf den Stresstest ein. Depot-Einbruch ist ja wirklich ein Stresstest. Ja, das passiert ja wirklich. Also warum werden manche dann riskanter statt vorsichtiger? Und wie sieht deine mentale Sicherung aus, bevor es zu teuren emotionalen Exits kommt?
Julia Thiele: Was uns ja meistens in diesen Situationen fehlt, ist nochmal so ein Prüfschritt und ein Kontrollcheck. So wie wir es im Angestelltenverhältnis ganz oft haben, wenn es um wichtige Entscheidungen geht, ein Vier-Augen-Prinzip. Das haben wir ja selber meistens nicht. Wir haben ja nur unsere beiden Augen und unsere Entscheidungen. Und wir sind ja manchmal einfach in dem Tunnelblick. Wir sehen ja bestimmte Dinge nicht mehr. Und dieses Vier-Augen-Prinzip baue ich quasi im Coaching mit den Leuten auf. Das ist auch ein wichtiger Ansatz, dass die Leute, und es ist wirklich so, dass meine Klienten dann zu mir sagen, ja Julia, das ist tatsächlich so. Wenn ich jetzt das nächste Mal das Gefühl habe, ich komme hier irgendwie in impulsive Entscheidungen, ich will jetzt doch die Positionsgröße erhöhen, ich lasse den Trade jetzt doch länger laufen, als ich eigentlich sollte, dann kommt auf einmal so eine kurze Mikroentscheidung, so ein Mikrogedanke und der sagt, was würde Julia dir jetzt sagen? Und es ist natürlich nicht meine Antwort dann gewesen, sondern letztendlich ist es ihr Regelwerk und ihr System, was sie dann in dem Moment nochmal erinnern. Und diesen Schritt brauchen wir. Wir müssen Zeit gewinnen in diesen impulsiven, hektischen Stressentscheidungen.
Peter Heinrich: Also ist Julia sozusagen der Stopp, bevor der Loss beginnt?
Julia Thiele: Genau, ja. Letztendlich geht es darum, dass derjenige selber sein Vier-Augen-Prinzip aufbaut und selber sein innerer Coach ist. Aber da muss man eben erst mal hinkommen.
Peter Heinrich: Es gibt ja in der Psychologie zwölf Kaufgründe, warum mache ich was, warum kaufe ich was? Ich kaufe ein Auto, weil ich ein Image haben will. Der eine kauft ein Auto, weil er von A nach B fahren muss. Der eine will, du sagst es ja, Kapital behalten. Der eine will Zeit sparen. Dann will er innere Ruhe erreichbar haben. Dann will er eigentlich messbare Erfolge haben. Effizienter sein, ruhiger schlafen können.
Julia Thiele: Den Urlaub wieder genießen und nicht die ganze Zeit die Position checken.
Peter Heinrich: Ja, wie viel erfolgreicher sind deine Klienten?
Julia Thiele: Ja, sie sind alle erfolgreicher. Und das kann ich mit Stolz über meine Klienten behaupten, dass alle mit verbesserter Rendite aus meinem Coaching rausgehen. Und das ist ehrlich gesagt auch mein eigener Erfolgsanspruch.
Peter Heinrich: Zum Abschluss die Zusammenfassung. Vielleicht beschränken wir uns auf drei. Drei Tipps und drei Tipps. Drei Tipps fürs Achtung, bevor es runtergeht. Und so bist du erfolgreicher.
Julia Thiele: Mhm, drei Tipps Achtung, bevor es runtergeht. Also klare Entscheidungslogiken parat haben. Das heißt, mir wirklich mal die Zeit zu nehmen, Entscheidungen zu Ende zu denken und sich immer wieder zu fragen. Und dann, und dann, und dann. Also das einmal zu Ende zu denken. Anderer Tipp wäre, gutes Risikomanagement zu haben. Also vorher kalkulierte Risiken sich in die Lage eines Risikomanagers zu versetzen. Also mal wirklich ganz bewusst mal so eine Identität eines Risikocontrollers anzunehmen. Wie würde der denn auf die Position blicken? Was würde der denn eigentlich machen? Was würde der mir raten? Und sich selber ein Stück weit auch von der Bedeutung des Ergebnisses zu distanzieren. Also auch zu sagen, okay, und auch wenn das jetzt ein Verlust wird, und auch wenn das jetzt ein Misserfolg wird, und auch wenn ich jetzt einen Fehler gemacht habe und eine schlechte Entscheidung getroffen habe, mache trotzdem weiter. Es geht um Kontinuität. Ich bleibe trotzdem dabei und ich versuche nicht, die Einzelsituation als Bewertungsmaßstab meines gesamten Börsenhandels und meines gesamten Erfolges zu sehen.
Peter Heinrich: Never give up. Okay. Die drei anderen, positiv?
Julia Thiele: Die positiven Dinge, ruhig mal ein bisschen größer weiterdenken, über den Tellerrand hinaus ein bisschen mutiger zu denken, weil ich glaube, wir begrenzen uns ganz oft selber mit unseren eigenen Gedanken, was eigentlich möglich wäre. Und manchmal hilft auch so ein kleiner Placebo-Effekt, so unter dem Motto, ich tue mal so, als hätte ich vielleicht gar nicht den Take-Profit gesetzt, sondern hätte meine Position mit einem nachgezogenen Stop von unten begrenzt. Also einfach mal so dieses, was wäre denn eigentlich passiert, wenn ich jetzt nicht früher rausgegangen wäre? Was hätte ich dann für eine Erfahrung gemacht? Manchmal hat man so eine Situation auch im Urlaub. Da konnte man nämlich nicht in den Trade eingreifen und hat dann gesehen, oh, und dann ist es gut geworden, sogar noch besser. Diese Erfolgserfahrung, sich noch mal so ein bisschen weiterzudenken, über den Tellerrand hinaus. Ein anderer Punkt ist, versuchen, dass die Exekution, also die Umsetzung, die Ausführung des Regelwerks und das Testen, das Erforschen weiterer Skalierungsmöglichkeiten, weiterer Strategien wirklich mal zu separieren. Also einmal habe ich diese Test- und Research-Phase, baue da was auf, teste was und dann habe ich mein Daily-Business im Börsenhandel. Und ich versuche nicht alles gleichzeitig sofort in einem Trade anzuwenden, sondern ich versuche es sukzessive dazu zu nehmen, erst mal zu testen, was funktioniert, um so dann eben auch zu skalieren oder beispielsweise auch die profitabelsten Handelsstrategien ausfindig zu machen. Und was würde ich noch mitgeben fürs Thema Rendite skalieren? Sich noch mal ganz bewusst in die letzten Trades anzuschauen. Es kommt natürlich auch so ein bisschen darauf an, inwiefern man das auch getrackt hat. Also wenn man beispielsweise weiß, in welchen Situationen man wie viel R, also R an Reward und Risk pro Trade hätte noch gewinnen können, also an Reward hätte noch mit rausholen können, sich genau mal die Trades anzuschauen, die so die obersten 20 Prozent ausmachen. Also da, wo man hätte am meisten Profit mitnehmen können, da, wo man am meisten Profit im Markt gelassen hat. Und da mal genau zu schauen, wie kann ich die noch weiter ausbauen? Weil da ist ja offensichtlich besonders viel Potenzial noch zu holen.
Peter Heinrich: Also gelassen sein wie ein Löwe der Adlerüberblick. Julia, ich danke dir.
Julia Thiele: Sehr gerne. Danke dir, Peter.
