Olaf Lieser: Hallo, mein Name ist Olaf Lieser. Ich bin Co-Geschäftsführer von Optionsuniversum. Und mein Hintergrund ist anders als bei vielen, die an den Märkten unterwegs sind, nicht Betriebswirt oder Volkswirt oder Kaufmann, sondern ich bin Diplom-Ingenieur. Und bin über meine Ingenieurswelt vor circa 20 Jahren zum Optionshandel gekommen. Und meine Firma zusammen mit meinem lieben Partner und Freund Christian Schwarzkopf namens Optionsuniversum, die gibt es seit 2015 und wir möchten eigentlich an den Märkten nie mehr etwas anderes machen als Optionen. Das ist sozusagen unsere Leidenschaft. Und meine Edge nenne ich das mal, ich werte die Kapitalmärkte mit meinen Ingenieur-Tools aus, die ich in meiner Ingenieur-Berufswelt vorher gelernt habe. Und die ersten Markterfahrungen seit vor 40 Jahren. Und wie gesagt, damals hat man die Aktie noch in der Sparkasse gekauft, so war das damals. Und Option, wie gesagt, seit 2006. Ich habe diesmal tatsächlich im Mai ein 20-jähriges Optionshändler-Jubiläum. Also schon eine ganz schön lange Zeit.
Peter Heinrich: Und aus dem Börsenradio-Studio grüßt Peter Heinrich. Wir sind in unserem mobilen Podcast-Studio unterwegs. Der Call ging nach Düsseldorf von CapTrader. Hier ist die große Veranstaltung Deutsche Optionstage. Was ich bei dir spannend finde, wir unterhalten uns jetzt von Raumflug bis Optionswelt sozusagen. Du bist Raumfahrtingenieur?
Olaf Lieser: Also genauer, das Studium heißt Luft- und Raumfahrttechnik, aber mein Schwerpunkt war die Luftfahrt. Ich habe auch schon tatsächlich zehn Jahre am Flughafen München gearbeitet. Weight-and-Balance-Berechnung, ich habe im Windkanal schon Tragflügelprofile untersucht als wissenschaftliche Arbeit. Ich bin Mitte, Ende 50, also ich habe auch schon einige Berufswege oder einen längeren Berufsweg hinter mir und bin tatsächlich ingenieurwissenschaftlich ausgebildet. Das ist tatsächlich mein Hintergrund.
Peter Heinrich: Also du bist Raumfahrtingenieur, hast viel Berufserfahrung, spielst sogar ein klassisches Instrument.
Olaf Lieser: So ist es, ja.
Peter Heinrich: Was spielst du?
Olaf Lieser: Ich spiele das Cello.
Peter Heinrich: Hilft dieses Denken, Noten im Kopf, Denken in Physik und Timing beim Optionshandel oder ist es am Ende doch eher Bauchgefühl mit Zahlen?
Olaf Lieser: Ich kann ganz klar sagen, das Bauchgefühl ist es nicht. Wir sagen manchmal so, Bauchgefühl, Handel ist eine schlechte Strategie, sondern es muss eine Methodik dahinterstehen. Das heißt also meine Ingenieur-Tools, sage ich mal, haben mir sozusagen geholfen, den Optionshandel zu lernen und zu verstehen, wie Optionsmärkte funktionieren, zu verstehen. Aber ich will jetzt, falls jemand hier zuhört, der noch nie Optionen gehandelt hat und sich überlegt, ob er es machen möchte, ich möchte euch keine Angst machen. Man kann tatsächlich einfach Strategien anwenden, die sind entwickelt von Leuten. Ich will da nicht nur uns nennen, es gibt viele gute, fleißige Leute, Strategien entwickeln. Wir machen das auch und dann kann man diesen Optionshandel betreiben. Und wer ihn richtig macht, der hat wirklich einen Edge, der hat einen Vorteil gegenüber denen, die nur Long oder Short den Markt gehen, den Aktienmarkt gehen.
Peter Heinrich: Also man muss kein Nerd sein. So ist es, ganz wichtig. Okay, aber man darf ein Nerd sein, oder?
Olaf Lieser: Man darf, ja.
Peter Heinrich: Du bist dann quasi ein Paradebeispiel für Optionshändler, Mathe-Fimmel, Excel-Liebe. Wer kein Nerd ist, da gibt es eine Software, die hilft. Also man muss vielleicht eine Strategie wissen, wo er funktioniert. Und tausende von Arten von Strategien, aber eigentlich wissen grob, wie sie funktionieren, aber die Software hilft.
Olaf Lieser: Genau, also man sollte sich schon ein bisschen auskennen oder verstehen, wie die funktionieren. Aber ich sage es mal so, wir sind vielleicht die Kfz-Mechaniker, die das Auto noch viel besser kennen. Aber wenn ich einen Führerschein habe und ein geübter Autofahrer bin, kann ich natürlich trotzdem fahren, ohne dass ich genau weiß, was sich im Inneren des Verbrennungsmotors abspielt.
Peter Heinrich: Das ist ein schönes Beispiel. Ich tanke, Benzin, Super oder Strom und dann fahre ich los.
Olaf Lieser: Und ich kenne die Verkehrsregeln, ich fahre vorausschauend und ich fahre sicher. Das musst du beim Optionshandel auch machen. Du hast Verantwortung, gerade wenn wir ein Stillhaltegeschäft sind, das sogenannte. Das heißt, wir nehmen Optionspräume ein und wir verdienen auch in Seitwärtsmärkten Geld. Es gibt ja drei Marktrichtungen, nicht nur zwei. Die Seitwärtsrichtung wird oftmals vergessen. Wir verdienen im Seitwärtsmarkt Geld, aber am Markt gibt es nichts umsonst. Und man ist als Optionsverkäufer oder auch genannt Stillhalter, so nennt man uns, ist man wie so eine kleine Versicherungsgesellschaft. Das heißt, ich verkaufe sozusagen wie eine Art von Versicherungspolice, zum Beispiel gegen fallende Märkte, wenn ich einen Put verkaufe an einer Gegenpartei. Aber ich muss gutes Risikomanagement betreiben, sogar besser, als wenn ich einfach nur Aktien kaufe. Sonst mache ich einen Fehler und ich könnte große Verluste machen. Aber das Entscheidende ist, wenn ich die richtige Methodik anwende, dann ist man wirklich langfristig erfolgreicher als diejenigen, die glauben Aktiengurus zu sein und wissen, wohin sich ihre Lieblingsaktien bewegen.
Peter Heinrich: Ja, kann ich mir gut vorstellen. Okay, also selbst im Seitwärtsmarkt gut verdienen. Gehen wir einen Schritt zurück. Butterfly, Iron Condor, Chase Lizard. Also warum haben denn die Optionsstrategien eigentlich so coole Namen? Ist das ein bisschen Marketingstrategie oder steckt im Namen eigentlich schon die Logik der Strategie?
Olaf Lieser: Also es ist im Prinzip der Versuch, sich in einer sehr abstrakten Materie ein bisschen sichtbar zu machen.
Peter Heinrich: Also eine Excel-Tabelle sozusagen im Namen versehen.
Olaf Lieser: Genau, also man sieht, wenn man so ein Butterfly hat, hat man ein bestimmtes Risikoprofil. Oder ein Iron Condor hat ein bestimmtes Risikoprofil. Wenn man das mal sieht, dann sieht man, wie sich so eine Strategie verhält, sozusagen bei steigenden und fallenden Märkten oder im Seitwärtsmarkt. Oder wenn die Volatilitäten steigen und fallen. Und einfach diese abstrakte Materie sichtbar zu machen, dafür benutzt man gerne solche, da gibt es mittlerweile auch so was wie Zebra-Strategie und es gibt lauter lustige Dinge, die einfach sozusagen es ermöglichen, dass man sich es mir besser vorstellen kann. Oder ein vertikaler und horizontaler Spread. Im Prinzip habe ich verschiedene Kontrakte, die ich kombiniere. Ich muss es mir irgendwie vorstellen können und das ist, um die abstrakte Optionswelt in unser konkretes Leben zu übertragen, benutzt man eigentlich solche Begriffe. Und sie bringen sich gut ein.
Peter Heinrich: Nutzen wir doch mal einen dieser Begriffe. Butterfly in einem Satz. Also euer Butterfly ist ja bekannt. Ja, 70. Wenn du das… Erklärst du doch mal für Einsteiger. Womit verdient man Geld und woran scheitert man typischerweise?
Olaf Lieser: Genau, man verdient Geld im seitwärts und im schwach steigenden Markt. Das ist statistisch auch die häufigste, das sind die meisten Tage. Das wird auf einen Russell 2000 auf Optionen, auf einen Russell 2000 wird es gehandelt. Und das ist eine ausbalancierte Strategie, die relativ unempfindlich für Marktbewegungen ist, solange es nicht einen richtigen Crash gibt. Wenn das so dahin dümpelt, so gerade so ein bisschen steigt und fällt und am Schluss ist dann nach zwei Wochen wieder dort, wo heute war oder besser noch nach vier Wochen, dann hat man allein durch die Zeitwertabnahme der Optionen dann entsprechend Geld verdient. Und ein Butterfly heißt, ich habe zwei gekauft und zwei verkaufte Puts, verschiedene Kontrakte und die balancieren aber den Hauptteil des Risikos gut voneinander aus, sodass dieser Trade ein recht gutmütiger Trade ist und auch ganz speziell, das ist ein Trade, der für Anfänger in der Optionswelt deswegen gut handelbar ist, weil er eben sehr milde reagiert, wenn der Markt sich stark bewegt. Wir sind jetzt kurz vor dem, keine Ahnung, oder wir sind in einem Krieg mit USA und Iran. Keiner weiß, wie er am Montag die Börse öffnet. Wir führen das Interview an einem Samstag.
Peter Heinrich: Ja genau, also Airbag und Black Swan Theorie, da können wir ja gleich weitermachen. Black Swan Hedge, wir wissen nicht, ob die Wohle regelrecht explodiert. Was ist jetzt ein Airbag, dein Airbag in einem Satz und was ist der Moment, in dem er wirklich gelebt werden muss?
Olaf Lieser: Also der Airbag ist ein Trade, ein reiner Volatilitäts-Trade. In der Optionswelt haben wir sozusagen nicht nur Long Shorts, sondern wir haben die, ich nenne es mal die dritte Dimension, die Volatilitätsdimension. Und der Airbag ist ein Trade, der davon profitiert, ist die sogenannte implizite Volatilität. Das ist eine Größe, die es nur in der Optionswelt gibt, dass die stark, stark steigt.
Peter Heinrich: Also ist das ein extra Trumpf?
Olaf Lieser: Das ist ein extra Trumpf, der muss sich natürlich richtig nutzen, den Trumpf. Es könnte durchaus sein, dass es jetzt am Montag, Anfang März, dass wegen diesem Krieg, wenn der Markt nach dem Wochenende reagieren kann, dass diese impliziten Volatilitäten, sprich die Optionspreise als ganzes, sehr stark steigen. Und dann das, was wir den Airbag nennen, das reagiert dann stark und will sich stark im Preis erhöhen.
Peter Heinrich: Noch ein Begriff, einen machen wir noch, komm. Ratio-Backspread praktisch. Hedge?
Olaf Lieser: Ein Airbag ist im Prinzip ein Ratio-Backspread. Ich kann es auch schnell erklären, was es ist. Ich verkaufe einen Put und ich kaufe zwei Puts. Dann habe ich schon ein Ratio-Spread. Oder ein anderes Zahlungsverhältnis. Ich verkaufe zwei und kaufe drei. Und ein Backspread ist laut Sprachkonvention, wenn ich mehr Optionen kaufe, als ich verkaufe. Also ich habe eine unterschiedliche Zahl Long und Short Optionen, weil es nicht so kompliziert ist, aber das macht diesen Strike genau aus.
Peter Heinrich: Das ist perfekt. Ich meine, Laufzeit, Abstand des Strikes, Positionsgrößen, das gilt alles noch zu berücksichtigen.
Olaf Lieser: Das gilt zu berücksichtigen. Das heißt, was ich gesagt habe, ist natürlich noch keine Strategie, sondern da muss man natürlich genau überlegen, welche Kontrakte ich warum auswähle. Ein Hedge-Trade soll dafür dienen, das Depot zu schützen, wenn es darauf ankommt. So ähnlich wie eine Autoversicherung mir dann hilft. Also ich habe übrigens jetzt eine Bescheinigung. 35 Jahre unfallfrei Auto. Ich bin auch stolz drauf. Das heißt, ich habe eine Versicherung, eine Autoversicherung und ich möchte sie niemals brauchen. Aber wenn ich sie brauche, dann ist sie für mich da. Und der Airbag macht das Gleiche. Also wenn es ein Airbag-Event gibt, das gibt es ab und zu alle paar Jahre, dann wird der Airbag aufgehen und kann mein Depot entsprechend schützen und vielleicht bullische Positionen, die ich habe, entsprechend sozusagen Verluste, die vielleicht auch auftauschen.
Peter Heinrich: Also was man eigentlich bei einer Autoversicherung nicht haben will oder eine Brandversicherung, dass das Haus abbrennt. Bei Optionen ist es eigentlich recht schön. Also Kosten, Performance und die Realität seit 2018. Also ihr handelt ja diese Airbag-Strukturen mit eigenem Geld, oder?
Olaf Lieser: Ja, unbedingt, ja.
Peter Heinrich: Was kostet eigentlich so ein Airbag über das Jahr realistisch und wann wird es zu teuer, dass man es noch mit gutem Gewissen kaufen kann?
Olaf Lieser: Die Airbag-Strategie ist eigentlich so angelegt, dass man die Kosten sehr klein hält. Also in manchen Fällen kostet er gar kein Geld. Im Jahr 2022 war es sozusagen ein bisschen das ungünstigste Szenario. Der Markt ist gefallen, aber taumelt abwärts, ohne dass der Airbag aufging. Ein Beispiel kann man schön erklären. Das Jahr 2022 war ein Bärenmarkt, wo die Volatilitäten nicht gestiegen sind, sondern so konstant auf hohem Niveau waren. Das heißt, der Airbag hat nicht funktioniert. Dann hat er im Prinzip tatsächlich Geld gekostet. Das hängt immer von der Größe ab, ich kann es keine Zahlen nennen. Wir handeln mit sechsstelligen Depotgrößen typischerweise, unsere Kunden und wir. Und dann kann so ein Airbag in dem Jahr natürlich schon mal eine vierstellige Zahl kosten. Man kann ihn aber auch kleiner handeln.
Peter Heinrich: Ja Mensch, vielen Dank. Zum Abschluss noch, ab und zu habe ich dich mal gesehen bei Markus Koch im Studio. Wie kam das zustande und handelt Markus auch mit Optionen oder schaut er da eher nur von der Seitenlinie zu?
Olaf Lieser: Also Markus hat zu uns gesagt, er hat Optionsausbildung. Er macht das manchmal, aber für uns ist es eine Hauptsache, für ihn nicht. Das heißt, er nimmt uns manchmal mit dazu zu seinen Formaten in sozialen Medien. Ich habe da mich schon ein halbes Dutzend Mal dazugemacht oder auch den Christian Schwarzkopf. Und wie bin ich hingekommen ins Studio? Das war ein Prinzip, was eigenes. Wie gesagt, ich betreibe klassische Musik und für mich ist es eine große Ehre.
Peter Heinrich: Er spielt ja Jazz.
Olaf Lieser: Er spielt Jazz, das stimmt, ja. Er ist Band-affin oder Jazz-affin und ich bin Klassik-affin. Ich kam nach New York City und in die Carnegie Hall. Das ist eine der ganz großen Konzerthallen. Ich war nur ein kleiner Teil dessen, aber ich durfte auf der Bühne stehen und mitperformen. Und das war großartig und ich wusste.
Peter Heinrich: Ach, so professionell spielst du?
Olaf Lieser: Also ich spiele… Also im richtigen Orchester dann und…
Peter Heinrich: Ja, also ich betreibe Musik schon recht lange, ja. Es gab sogar mal. Ich stand mal auf der Kippe, ob ich Berufsmusiker werde, so mit 13, 14. Ich habe mich dagegen entschieden, aber das war auch mal im Gespräch, ja. So kann das sein. Jeder Mensch hat viele Seiten. Das ist eine meine Seite, ja.
Peter Heinrich: Ja, dann musst du dich entscheiden. Du hast die Option.
Olaf Lieser: Ich habe vor allen Dingen. Damals hatte ich das Ingenieurwesen. Ich war schlau genug. Ich halte es immer noch für schlau. Es ist viel leichter in der freien Wirtschaft, in der Wissenschaft und Technik in Deutschland, was ein sehr technisches Land ist, seinen Lebensunterhalt verdienen als in der Musik. Ich habe das damals schon gewusst. Ich halte es immer noch für schlau und die Musik kann ich machen, bis sie mich am Ende buchstäblich in der Kiste legen, also bis ich alt bin. Musik werde ich immer machen. Ich liebe es und. Na gut, was ich jetzt mache, Optionshandel auch, aber ich muss damit mein Geld nicht verdienen. Das ist zu viel wert.
Peter Heinrich: Ja, Olaf, danke für dein Interview.
Olaf Lieser: Danke auch, ja.
Peter Heinrich: Danke. Ihre Informationen rund um die Börse.
